Ischt over

Haben Sie sich auch in den vergangenen Jahren gewundert, warum sich Wirtschaftsgrößen und  Gewerkschaften kaum gegen die Abwicklung ihrer Industrien wehren? Zwei Säulen der deutschen Wirtschaft – Autoindustrie und Chemie – haben scheinbar akzeptiert, in Deutschland überflüssig zu sein. Man hält sich still, um die Mächtigen nicht zu erzürnen, die ja gnadenhalber noch die ein oder andere Subvention springen lassen könnten. Umso mehr fällt auf, wenn ein Manager wie der Chef der Deutschen Börse, Theodor Weimer, dann doch einmal Klartext redet. Im April hat der auf einer Veranstaltung der bayerischen Wirtschaft Deutschland aus Sicht ausländischer Investoren beschrieben und der Politik ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. (Für Nervenstarke: Die Rede können Sie sich hier ansehen.) Die Republik sei, ökonomisch gesprochen, auf dem Weg in ein Entwicklungsland. Die Zeit, in der die Wirtschaft schweigen müsse, um das Ansehen des Standortes Deutschland nicht zu beschädigen, sei vorbei. „Ischt over“ wie Wolfgang Schäuble gesagt hätte. Und wie reagiert die Politik? Der fällt wie gewohnt nichts Besseres ein, als den Cancel-Hammer zu schwingen. Der EU-Abgeordnete der Grünen, Reinhard Bütikofer sprach es am ehrlichsten aus. Er rief Minister, Staatssekretäre und Abgeordnete auf X dazu auf, Weimer nicht mehr zu treffen: „Den kann man schneiden. Bis ihn seine Aktionäre zum Teufel schicken.“ Weimer dürfte damit leben können. Er hat seine Brandrede wohlweislich erst gehalten, als die verdiente Pensionierung am Horizont sichtbar wurde. Wir machen uns indes nicht mehr nur Sorgen um die Wirtschaft in Deutschland.
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Autor
Dirk Waclawek
Veröffentlicht am 11.06.2024
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