Kommentar: Sonntagsarbeit – da war doch was
Normalerweise neigen wir ja eher zum Realismus. Nach der Bundestagswahl hatten wir uns allerdings kurz durch die Verantwortlichen des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks zur Euphorie hinreißen lassen. Schließlich stand schwarz auf weiß im Koalitionsvertrag, dass das Bäckerhandwerk in den Ausnahmekatalog des Arbeitszeitgesetzes aufgenommen werden sollte, damit die Betriebe endlich auch an Sonn- und Feiertagen rechtssicher arbeiten konnten. Der bis dahin zugebilligte Zeitrahmen reichte bekanntlich vorn wie hinten nicht und ärgerte Betriebe wie Mitarbeiter. Ein schöner Erfolg für das Handwerk, gleich zum Start der neuen Bundesregierung. So konnte es weitergehen. Nun ging es bekanntlich nicht weiter. Genau genommen, fing es gar nicht erst an. Die Änderung des Arbeitszeitgesetzes gehört nämlich zu den vielen Reformprojekten der Bundesregierung, die irgendwo unter einem Aktenstapel im Arbeitsministerium vergessen wurden. Wobei man schon daran erinnern darf, dass es verschiedene Formen des Vergessens gibt. Es gibt zum einen die allgemeine Schusseligkeit und zum anderen die strategische Demenz. Wir, inzwischen wieder zu Realisten geworden, sind Anhänger der zweiten Theorie. Nachdem die Sozialdemokraten alle Zusagen der Union eingesammelt haben, lassen sie ihre Gegenzusagen einfach unter einem großen Aktenstapel liegen. Umso leichter fällt dann der nächste Wahlkampf für die angestrebte Rot-Rot-Grüne-Koalition. Ganz wie die Union scheint man beim Zentralverband dagegen noch an das Gute im Menschen zu glauben. Man geht offensichtlich von einem bedauerlichen Zufall aus und erinnerte den neuen Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer in einer einstimmigen Resolution der Mitgliederversammlung an die Zusagen seiner Partei im Koalitionsvertrag. Getreu dem Motto „Wenn er auch nicht auf den Kanzler hört, lässt er sich doch bestimmt von einer einstimmigen Resolution der Bäcker beeindrucken.” Man sehe uns nach, dass wir diesmal auf der Seite der Realisten bleiben. Gleichwohl drücken wir natürlich den Optimisten die Daumen.