Kommentar: Zur Verteidigung von Herrn Merz
Es lässt sich in Deutschland nur noch zu wenigen Themen Konsens erreichen. Bundeskanzler Friedrich Merz ist es aber gelungen, so etwas wie Einigkeit herzustellen: Alle, wirklich alle, halten ihn für einen kompletten Versager. Für mich ist er eher ein durchschnittlicher Politiker, der an der Fülle der Probleme scheitert, weil er sie nicht mehr wie seine Vorgänger mit Geld zuwerfen kann. Nehmen wir das konkrete Beispiel Energiewende: Obwohl wir damit die Industrie nachhaltig aus dem Land vertreiben, sind wir nicht einmal in der Lage, mit grünem Strom zu backen. Wer hätte auch ahnen können, dass sich mit der volatilen Windenergie kein Industrieofen 22 Stunden pro Tag an 320 Tagen im Jahr betreiben lässt? Da hilft auch nicht, dass viele Bäcker in Eigeninitiative versuchen, trotz der schlechten Rahmenbedingungen so nachhaltig wie irgendmöglich zu produzieren. Nachhaltig sind in Deutschland ansonsten nur noch die Schäden, die in den Jahren vor Merz angerichtet wurden und deren Beseitigung man getrost als Generationenaufgabe sehen kann. Stellt sich die Frage, warum viele Länder die Energiewende rational und erfolgreich angegangen sind, während sich die Deutschen in freien und geheimen Wahlen für den Weg ins Desaster entschieden haben. Die Sache mit dem Ofen dürfte schließlich jedem Bäckerlehrling im ersten Lehrjahr klar gewesen sein. Meine These: Während zum Beispiel in der Schweiz offen über den einzuschlagenden Weg diskutiert wurde und dabei am Ende eine tragfähige Lösung herauskam, ist es Interessengruppen in Deutschland gelungen, die Debatte zu vergiften. Wer auf die Probleme hinwies, die ein Industrieland mit volatiler Energie bekommt, war mindestens ein Klimaleugner und wurde so zum Schweigen gebracht. Der langen Rede kurzer Sinn: Bevor die Probleme angegangen werden können, müssen wir Debattenkultur neu lernen. Der deutsche Mittelstand hält sich bekanntlich am liebsten unauffällig im Hintergrund. Ich fürchte, dass er sich das nicht mehr leisten kann.